Epigramme



Bildungsmängel

Man sollte nicht darüber lästern:
Ein Schüler scheiterte erst gestern
an einem dicken Brockhaus-Band,
weil er den Einschalt-Knopf nicht fand.



Erdrückendes

Wer’s selbst erfahren hat, sieht ein:
Es ist nicht immer nur das Schwere –
auch Vakuum und große Leere
können sehr erdrückend sein.



Verdrängung

Wer einem Ziel sich ganz verschrieben
und merkt: es ist dorthin zu weit,
verdrängt die Unerreichbarkeit,
hört er nicht auf, das Ziel zu lieben.



Die Feindschaft

Die größten Feinde sind dem Spießer
die Lebenskünstler und Genießer.



Nur Mut!

Ist zerstört, was lange hielt?
Trotzdem sollst du dich erheben!
Auch, wer sich geschlagen fühlt,
muss sich nicht geschlagen geben.



Die Macht des Wortes

Ein Wort kann binden und auch spalten,
es kann verzeih’n und Menschen richten,
kann stärken und am Leben halten,
und Existenzen auch vernichten.



Vervollständigung

Oft hört man, wichtig sei es, dass
die Jugend stets das Alter ehrt.
Doch halt! Da überseht ihr was:
Der Ausspruch gilt auch umgekehrt!



Fürs Poesiealbum

Nicht alles ist so schön im Leben,
bemerkt man täglich, hier und da.
Ich hab mich neulich übergeben,
als ich ein Foto von dir sah.



Humor

„Humor“, so lässt die Eigenschaft sich nennen,
kann man den Witz in dieser Welt erkennen.



Kleinkariert

Ein Mensch kommt selten damit klar,
im Kritisieren Maß zu halten.
Denn findet er ein Suppenhaar,
so will er dieses auch noch spalten.



Glück

Wenn alles, was du spürst, ist gut,
und wenn dein Lebensweg dir passt,
wenn innerlich die Seele ruht,
und wenn dich der Moment umfasst,
durchdringt dich ganz für eine Zeit
die göttliche Vollkommenheit.



Späte Erkenntnis

Wird jemand auf das glatte Eis geführt,
so wird er sich nur selten überlegen,
was ihn aus dieser Lage rasch erlöst,
weil er das Glatteis häufig gar nicht spürt;
bis er – ihm kommt das völlig ungelegen –
beim Fallen mit der Nase darauf stößt.




Wichtige Voraussetzung

Oft hört man euch verbittert klagen:
„Wer antwortet auf uns’re Fragen?“
Wie wär’s, wenn ihr – so schwer’s euch fällt –
zuerst ganz klar die Fragen stellt?
Michael Feindler